Erfahrungsberichte aus dem Zivildienst
Tagebuch meines Einsatzes in der Jugendherberge in Schaffhausen
Im Sommer bis Herbst 2003 habe ich in der Jugendherberge in Schaffhausen während vier Monaten Zivildienst geleistet.
Die Jugi befindet sich im Park auf einem Hügel in Schaffhausen an einer sehr schönen und gut erreichbaren Lage. Das Schlössschen Belair war früher das Herrenhaus vom Schriftsteller Hermann Hesse, wo auch sein Freund, der Maler Sturzenegger Hesse ihn portraitierte. Geleitet wird die Jugendherberge von den Betriebsleiterinnen Hulda Hänggi und Letizia Müller.
Montag, den 21. Juli 2003 (Erster Tag)
Ich packe wiederum meine Reisetasche - bin ja erst am Samstag um Mitternacht von meiner Irlandsreise nach Hause gekommen. Gegen Mittag nehme ich den Zug vollbeladen mit meiner Reisetasche, einem kleinen Rucksack und meinem Fahrrad nach Schaffhausen. Der Zugbegleiter wertet meinen Zivildienstausweis als Seltenheit: "Seit Einführung dieser Regelung habe ich einen solchen Ausweis erst vier Mal zu Gesicht bekommen", fügt er hinzu. Nach der 3-stündigen Zugreise komme ich in die Jugendherberge Schaffhausen, Region Belair, um mich zum Dienst zu melden. Aber zum Einsatz komme ich noch nicht, denn der erste Zivildiensttag wird mir als Anreisetag geschenkt und so darf ich auch in aller Ruhe mein Abendessen - eine vom Jugi-Team selbstgemachte Pizza vom Holzofen - geniessen.
Dienstag, den 22. Juli 2003
Mein Zivildienst beginnt und ich bin um 7:30 Uhr einsatzbereit. Die Betriebsleiterin und Köchin Hulda Hänggi zeigt mir den morgendlichen Ablauf mit dem Frühstücksbuffet. Das umfangreiche, von den Gästen sehr geschätzte Buffet, muss stets kontrolliert und immer wieder nachgefüllt werden. Nebenbei wird das dreckige Geschirr mit der Spülmaschine gewaschen und anschliessend von Hand abgetrocknet, womit man am Morgen bis nach 9 Uhr beschäftigt ist. Sobald alle Leute aus dem Esssaal sind, wird das Buffet wieder weggeräumt und die Tische, sowie den Boden staubgesaugt und gelegentlich Nass aufgenommen.
Heute gingen wir alle gemeinsam in die Rhy-Badi in Büsingen. So kann ich vor allem Mittags, da ich in der Regel von 11 bis 17 Uhr frei (Zimmerstunde) habe, einiges unternehmen.
Ab 17 Uhr beginnt meine Arbeit wieder. Vor allem muss ich heute die Pflanzen reichlich giessen, da es zur Zeit einfach extrem trocken ist. Das Laub muss von Zeit zu Zeit weggefegt werden und ich anschliessend serviere ich Getränke für das Abendessen der Hostalgäste. Um 21 Uhr kann ich micn endlich zu den Gästen setzen und mit ihnen plaudern.
Donnerstag, den 24. Juli 2003
Über den Mittag erklärt mir Letizia Müller die ASSD-Software. Mit diesem Programm werden die Zimmereinteilung, Kioskeinnahmen, Abrechnungen und einfach alles, was mit der Reception zu tun hat, erledigt. Es ist sehr bedienerfreundlich und ich lerne schnell die wichtigsten Funktionen. Um das Programm aber noch genauer kennenlernen zu können, werde ich für einen Jugi-internen Kurs angemeldet.
Zudem wird mir gezeigt, wie ich mich bei einem Feueralarm verhalten muss und wie der Feuermeldekasten zu bedienen ist.
Mehrmals proben wir das, um auf die seltene, aber wichtige Situation richtig reagieren zu können. Auch bei einer Störung der Feuermelder kann es vorkommen, dass der Alarm losgeht und dann wäre es unangenehm und auch teuer, wenn plötzlich die Feuerwehr sich vor dem Haus versammelt.
Ich arbeite abends bereits an der Reception und wir haben einige spanische Gäste - ich beginne meinen Spanischkurs leider erst in einem Monat. Dann verständigen wir uns halt auf Englisch oder Französisch, so gut das geht.
Sonntag, den 27. Juli 2003
Am Morgen werde ich beauftragt, die Bette zu machen, Fixleintücher anzuziehen und alle Räume zu staubsaugern. Ich bin kaum eine Woche im Einsatz, nehmen die Betriebsleiterinnen frei und übergeben mir die 100%-ige Verantwortung für die Jugendherberge. Ich muss einige "Check-ins" der Gäste vornehmen, überreiche die Bettwäsche (Schlafsäcke und Kissenüberzug). Das Telefon klingelt und da nehme ich Reservationen entgegen oder beantworte allgemeine Fragen.
Heute Abend regnet es mal, was für den diesjährigen heissen und trockenen Schweizersommer eher ungewöhnlich ist. Deshalb lassen sich viele Gäste auch unangemeldet nieder. Im Regen ist es weniger angenehm draussen zu zelten oder einfach im Freien zu übernachten. Somit haben wir beinahe volles Haus. Ein Mann kommt aus dem dritten Stock zurück und fragt mich nach einem Lappen, da es ins Zimmer geregnet hat. Ich habe vergessen zu kontrollieren, ob auf der obersten Etage die Dachfenster geschlossen sind. Weitere Beanstandungen bleiben glücklicherweise aus.
Mittwoch, den 30. Juli 2003
Ich reise nach Zürich, um in der Jugendherberge den ASSD-Kurs zu besuchen. Mit drei anderen Rezeptionisten werden uns weitere Funktionen des Zimmereinteilungs- und Verbuchungsprogramms bis ins Detail gezeigt. Somit habe ich einen ganzen Tag Schulung. Somit profitiere ich schon sehr von meinem Einsatz. Zudem lerne auch wichtige Personen der Jugi kennen. Es sind alles sehr unkomplizierte und offene Leute, was mir sehr gefällt.
Dienstag, den 5. August 2003
Heute haben wir volles Haus. Viele Einzelpersonen und Familien sind einzuchecken. Zwei jüngere Damen zeigen mir die Identitätskarte um sich auszuweisen. Da auf einer ID der Name "Hurschler" steht, grinse ich. "Dieser Name ist ja nicht so verbreitet", denke ich und sage zu ihr, dass mein Familienname derselbe sei. Obwohl die Gäste an der Rezeption bereits Schlange stehen, beginnt sie von ihrer Verwandtschaft zu erzählen, da merke ich sehr bald, dass sie mit mir tatsächlich verwandt ist. Leider habe ich heute Abend gar keine Zeit, um mit ihr noch ein bisschen unsere Verwandtschaft durchzunehmen, denn um 21 Uhr sehe ich noch kein Arbeitsende. Die Gäste wollen noch Süsses vom Kiosk kaufen oder haben noch einige Fragen, die sie gerne geklärt hätten. Um 22 Uhr meint ein Kunde am Schalter, wie lange wir eigentlich noch geöffnet haben, "in der Regel schliessen wir um 21 Uhr", erwidere ich. "Aha, dann hätte ich jetzt noch gerne ein Bier."
Mittwoch, den 6. August 2003
Am Abend kommt ein freier Journalist von den Schaffhauser Nachrichten zu uns. Er schreibt einen Bericht über die Jugendherberge Schaffhausen und will den Einheimischen unsere Jugi und unsere Arbeit näher bringen. Wir haben viel zu tun und er lässt sich zuerst mal von dem Schlössschen Belair und der Umgebung inspirieren. Mir ist es wichtig, dass der Zivilidienst im Artikel erwähnt wird und obwohl ich erst seit 3 Wochen in der Jugi arbeite, kann ich seine Fragen gut beantworten.
Freitag, den 8. August 2003
Ich komme abends mit dem Amerikaner namens Clay ins Gespräch. Heute ist Open-Air Kino auf dem Munot (die Burg als das Wahrzeichen von Schaffhausen). Der Film "Bend it like Beckham" läuft auf Englisch und so begleitet er mich. Wir führen interessante Gespräche. Denn er ist überhaupt nicht ein "typischer Amerikaner", ist viel gereist und kennt Filme wie "Cinema paradiso" oder "le huitième jour", was mich begeistert. Zudem hat er das Buch "Stupid white men" von Michael Moore gelesen und ist ebenfalls nicht mit dem US-Präsdienten Georg W. Bush einverstanden.
Schlussbericht
Im Zivildienst hatte ich einiges erlebt und war stets motiviert im Einsatz. Interessante Gespräche konnte ich mit den Reisenden führen, doch schade war, dass die meisten Gäste nur für eine oder zwei Nächte in der Jugendherberge übernachten.
Im Herbst (vor allem ausserhalb der Schulferien) hatten wir eigentlich nicht mehr so viele Einzelgäste und Familien. Es gab eher ruhige Abende und selten war "full house". Ausser wenn sich Schulklassen und Gruppen angemeldet hatten, dann bestimmten sie das Geschehen in der Jugi. Manchmal war es dann schwierig den Schlaf zu finden.
Zudem erschien ein ganzseitiger Artikel über unsere Jugi in der Schaffhauser Nachrichten. Der Bericht war auch für mich sehr interessant, da der Journalist auch meine Arbeit unter die Lupe genommen hatte.
"Das ist nicht gerecht; du bist erst seit einem Monat in Schaffhausen und schaffst es gleich in die Schaffhauser Nachrichten und ich bin bereits mehrere Jahre hier in der Region und nie wurde über mich berichtet." meinte humorvoll eine Kollegin - des Spanischkurses der Migros Klubschule, den ich seit Mitte August in Schaffhausen besuche - zu mir.
Bergbauer und Käser in Champéry (Wallis)
Im September 2004 leistete ich während 26 Tagen meinen zweiten Teileinsatz als Zivi bei einem Bergbauer und Käser in Champéry (Kanton Wallis - französische Schweiz).
Die Arbeit beim Bergbauern in Champéry empfand ich als ziemlich streng. Ich bekam Blasen (Blattern) an den Händen und mein Körper schmerzte ab und zu. Während des 4-wöchigen Einsatzes wurden mir einige Tätigkeiten des Bergbauers anvertraut. Die regelmässigste Arbeit war das tägliche Melken der 34 Kühen. Von Hand wird ja nur noch die Vorbereitung der Kühe (also Massieren der Zitzen) erledigt, für das eigentliche Melken wird anschliessend die Melkmaschine angehängt. Die Kühe waren den ganzen Tag auf der Weide. Nur fürs Melken mussten sie kurz eingetrieben werden und anschliessend wurde jedes Mal der Stall geputzt. Auf der Alp stellten sie zudem Käse her, was für mich zur Aufgabe hatte, dass ich anfangs täglich (später jeden dritten Tag) den Käse Nass reiben und reinigen musste.
Einmal wurde der Jauchekasten (Gülle) geleert und die Jauche auf der Wiese verteilt. Das war wirkliche Drecks- und Scheissarbeit (im wahrsten Sinne der Worte). Handwerkliche (Demontage von Mobiliar) und forstliche Arbeiten rundeten meinen Einsatz ab.
Schlussbericht
Der Einsatz hat mir den Einblick ins Leben eines Bergbauern ermöglicht. Klar, die Arbeiten sind anstrengend und das Leben eher mühsam und ziemlich abgelegen (auf 1'500 m.ü.M. befanden wir uns).
Leider wurde ich als Vegetarier (und Ökologe) nicht gut beim Bauern aufgenommen, welcher mir ständig versuchte zu beweisen, dass ich zu wenig Kraft habe als Nicht-Fleischfresser. Ich hielt mich still, um keine Angriffsfläche zu bieten. Dummerweise fragte mich der Bauer, ob ich für die Wiederansiedlung des Wolfes bin. "Ja, ich sehe da kein Problem." war meine prompte Antwort. Zu blöde - hatte ich plötzlich die ganze Familie gegen mich. Leider musste ich die letzten zwei Wochen meines Einsatzes immer wieder Kommentare gegen mich und meinen Idealismus anhören. "Etwas grün ist schon in Ordnung, aber..." tönte es ein paar Male von der Familie.
Ich bin dennoch froh, konnte ich in der Romandie Zivildienst leisten. Zudem bin ich stolz, dass ich mich relativ ruhig verhalten habe bei den verbalen Angriffen des Bauern.
Die Grenze zwischen der Deutschschweiz und französischen Schweiz habe ich deutlich zu spüren gekriegt und finde es eigentlich schade, dass nicht mehr Projekte über die Sprachgrenze hinaus lanziert werden. Bereits in der Schulzeit müsste man etwas unternehmen, um das Verständnis für das Französisch und für unsere welschen Landsleute zu fördern - und umgekehrt.